Ortsgruppe Ellwangen
                    

Berühmte Schüler des Ellwanger Gymnasiums

Quelle: Festschrift (von 1958) "300 Jahre Peutinger-Gymnasium in Ellwangen (Jagst)"
Verfasser: Dr.Franz Fischer (1912 - 1997)
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zur Stadt Ellwangen

Als im Jahre 1658, 20 Jahre nach Beginn der Wallfahrt auf den Schönenberg, die alte Ellwanger Stiftsschule nach langen Bemühungen der Fürstpröpste und der Bürgerschaft von den Jesuiten übernommen und zu einem Gymnasium erhoben wurde, entwickelte sich diese Schule sehr gut nach der wissenschaftlichen, religiösen und nach der künstlerisch-kulturellen Seite, wofür auch die jahrzehntelange Pflege des Schultheaters zeugt. Tausende von Schülern haben seither in den Gebäuden des Gymnasiums - dem Vogteihaus und später den Barockbauten, die aus den Mitteln der Nachlaßschenkung des Stiftsdekans Ignatius Desiderius v. Peutingen erbaut wurden - ihre wissenschaftliche und sittlich-religiöse Grundlage für die weitere Berufsausbildung und fürs Leben erhalten. Viele Generationen hindurch hat das Gymnasium seine Bildungsarbeit an der heranwachsenden Jugend geleistet und dem Charakter der führenden Schichten sein Gepräge mitgegeben. Darin liegt sein Hauptverdienst und seine hohe geschichtliche Bedeutung für Stadt und Land als kulturelle Pflegestätte. Beim Rückblick auf eine so ehrwürdige Vergangenheit erscheint es geboten, aus der Masse derer, die gekommen und gegangen sind, einige verdiente Einzelpersönlichkeiten herauszuheben, deren Namen in der Geschichte des Gymnasiums einen besonderen Klang besitzen, da sie im Leben als hohe geistliche Würdenträger, Künstler und Gelehrte den Durchschnitt überragt haben, ihnen selbst und dem Gymnasium zur Ehre.

In der Hauptstadt eines geistlichen Fürstentums stand das Gymnasium fast eineinhalb Jahrhunderte unter geistlicher Leitung, dies auch nach der Aufhebung des Jesuitenordens, und auch nach der Säkularisation trug es als eines der vier katholischen Gymnasien in Württemberg einen bestimmten Charakter. Angesichts der reichen kirchlichen Tradition nimmt es nicht wunder, daß von alters her ein wohl nicht unbeträchtlicher Teil der Zöglinge sich dem Theologiestudium zuwandte. Hervorragende Gottesmänner sind es vor allem und für lange Zeit, die unter den einstigen Schülern des Gymnasiums Namen und Ruhm erworben haben.

Die Beliebtheit und der Einfluß der Jesuiten fand zunächst darin seinen Ausdruck, daß zahlreiche Schüler aus Stadt und Land der Gesellschaft Jesu beitraten. Mehrere von ihnen stiegen in ihrem Orden zu hohen Stellungen empor, so die Brüder Josef und Maximus Mangold von Röhlingen (1716-1787, bzw. 1722-1797), die beide im akademischen Lehramt für Philosophie und Theologie in Ingolstadt, Dillingen und Augsburg tätig waren und gelehrte Werke in lateinischer Sprache schrieben; der jüngere der beiden war der letzte Provinzial der Oberdeutschen Ordensprovinz vor der Auflösung des Ordens.

Bis zum 18. Lebensjahr besuchte das Jesuitenkolleg auch einer der bedeutendsten Söhne der Stadt Ellwangen, Magnoald Ziegelbauer (1688-1750), doch scheint er, ein unruhiger und eigensinniger Kopf, mit der hier herrschenden Strenge in Konflikt geraten zu sein. Er wurde jedenfalls Benediktiner der Abtei Zwiefalten und war zeitlebens ein Gegner des Jesuitenordens. Die Kühnheit seiner Ideen und seine schriftstellerische Begabung fanden freilich hier, wo man mehr der Musik huldigte, wenig Verständnis. So wurde dem unbequemen Klosterbruder und Professor die Übersiedlung zunächst in das Kloster Reichenau und schließlich nach Österreich gewährt mit den bitteren Worten, er solle nicht glauben, daß Zwiefalten klein werde, wenn es Magnus verliere. Aber der Prophet wurde in seinem Vaterland verkannt. Der Gelehrte im Ordensgewand, der fern der Heimat besonders in Wien, Prag und Olmütz ein unstetes, keineswegs sorgenfreies Leben führte, fand Gönner und Mitarbeiter und hat an die 50 Werke mannigfachsten Inhalts hinterlassen, meist in lateinischer Sprache, die er vollkommen beherrschte. Durch eine Sammlung sämtlicher Schriftsteller des böhmisch-mährischen Raums wurde er zum Bahnbrecher in der Geschichtsforschung jener Länder. Mit seinem vierbändigen Hauptwerk, einer umfassenden Geschichte der gesamten wissenschaftlichen Tätigkeit des Benediktinerordens, hat er sich hohe Verdienste um die Kirchengeschichte erworben.

Ebenso ein Mann der Wissenschaft war Patriz Benedikt Zimmer (1752-1821), Sohn eines Chirurgen aus Abtsgmünd. Nach den Gymnasial- und philosophischen Studien in Ellwangen, dem Theologie- und Rechtsstudium zu Dillingen stieg er dort zum Professor der Dogmatik empor und wirkte zusammen mit Johann Michael Sailer und dem Philosophieprofessor Weber - die drei an Herz und Geist einigen Freunde bildeten das "Dillinger Kleeblatt" - an der Überwindung der destruktiven Aufklärungstheologie mit den eigenen Mitteln der Aufklärung, was ihnen bei Freund und Feind Verfolgung eintrug. Mit Weber und Sailer, den er in mancher Hinsicht sogar noch überragt haben soll, teilte Zimmer das Schicksal der Verdrängung von Dillingen, wurde aber an der Universität Ingolstadt-Landshut, wo er zunächst das Opfer einer neuen Maßregelung war, mit der höchsten akademischen Würde, dem Rektoramt, betraut.

Vom Geist dieser Männer gebildet ist Johann Nepomuk Bestlin (1768-1831), dessen Leben und Wirken ganz der engeren Heimat gehört. Der Sohn armer Eltern hatte am Gymnasium der Vaterstadt und erst recht auf der Universität zu Dillingen viele Entbehrungen zu ertragen; aber J. M. Sailer schätzte ihn als einen seiner talentvollsten Schüler. Professor und Rektor an der neuerrichteten katholischen Friedrichsuniversität in Ellwangen und Inhaber hoher kirchlicher Ämter, machte Bestlin aus Mißtrauen den Umzug nach Tübingen nicht mit, sondern ging als Stadtpfarrer nach Lauchheim in die Seelsorge zurück. Obwohl die deutsche Dichtung in seiner Jugendzeit, zumal an den geistlichen Schulen, noch kümmerlich behandelt wurde, entfaltete er als Volksschriftsteller und Dichter von geistlichen und weltlichen Liedern in der Art des Göttinger Hainbundes und als Verfasser eines auch von seinem einstigen großen Lehrer gerühmten Predigtbuches eine reiche literarische Tätigkeit, von einem Freund als ein zweiter Heinrich Suso gerühmt, der allein Christoph Schmid ein Nebenbuhler hätte werden können.

Mit Bestlin beginnt eine Reihe hervorragender Theologen, welche in diesen Jahrzehnten aus dem Gebiet der alten Fürstpropstei hervorgingen und welche das Kulturerbe des geistlichen Staates in eine neue Zeit hinübertrugen.

Seiner Heimat Killingen, Pfarrei Röhlingen, der ganzen Fürstpropstei, aber auch dem Gymnasium gereicht zum Ruhm Johann Sebastian Drey (1777-1853), der aus dürftigsten Verhältnissen einen erstaunlichen Aufstieg nahm. Während seiner zehnjährigen Gymnasialstudien in Ellwangen zogen ihn unter den alten Klassikern besonders die lateinischen Historiker an. Reden aus Livius, der neben Horaz sein Lieblingsschriftsteller war, pflegte er in Feld und Flur als Hirtenknabe oder vor seinen Mitschülern von einem Holzstoß aus frei vorzutragen. Im Dom zu Augsburg von Bischof Clemens Wenzeslaus, der zugleich sein Landesherr war, zum Priester geweiht, vertiefte er sich in das Studium der zeitgenössischen klassischen deutschen Philosophen und wurde 1812 als Professor der Dogmatik an die kath. Landesuniversität berufen, mit der er 1817 nach Tübingen übersiedelte. Als einer der hervorragendsten Theologen des damaligen katholischen Deutschlands gab er dem religiösen Leben des gesamten deutschen Sprachgebiets einen mächtigen Auftrieb, war Mitbegründer der »Tübinger Schule« und wurde sogar als erster Bischof des neugegründeten Bistums in Aussicht genommen.

Die Festpredigt an seinem goldenen Priesterjubiläum hielt sein ehemaliger Schüler am Gymnasium Ellwangen und auf der Universität, sein damaliger Kollege im Lehramt, Professor Karl Josef v. Hefele (1809-1893); dieser bekannte darin, daß bei seinem Eintritt in die Lateinschule vor 34 Jahren die Freundlichkeit des schon damals hoch angesehenen Jubilars ihm den Mut zu einer Anrede gegeben habe. Hefele, der spätere dritte Bischof von Rottenburg und nicht weniger eine Persönlichkeit von überragender Größe, war geboren in der Hochmühle bei Unterkochen als Sohn des aus Ellwangen gebürtigen Kgl. Hüttenverwalters. In der Hammerschmiede bei Abtsgmünd verbrachte er die Jahre der Kindheit und besuchte dann unter der Obhut seines geistlichen Großoheims vom achten Lebensjahr an das Ellwanger Gymnasium, um dann die für einen württembergischen Theologen übliche Bildungslaufbahn einzuschlagen. Nach glänzendem Abschluß der Studien feierte er in der Stiftskirche zu Ellwangen seine Primiz. Hierher war die Familie nach dem Tod des Vaters gezogen, und dieser seiner zweiten Heimatstadt gehörte - neben Mergentheim - immer seine Liebe, so daß der Gelehrte einmal auch dem an ihn ergangenen Ruf als Abgeordneter für Ellwangen-Land Folge leistete. Erst 31jährig wurde er, der begabteste Schüler des großen Kirchenhistorikers J. A. Möhler, zum ordentlichen Professor der Kirchengeschichte ernannt und schrieb als Gelehrter eine monumentale Konziliengeschichte. Als Bischof war er Teilnehmer des Vatikanischen Konzils und führte die Auseinandersetzungen um das Staatskirchentum zu einem versöhnlichen Abschluß, hoch geachtet wegen seiner geistigen und sittlichen Größe und wegen seiner Verdienste um Staat und Kirche.

Von der Stille einsamer Landpfarreien aus entfaltete ein weltweites, bis an die Gegenwart heranreichendes Wirken der Katechet Ignaz Schuster (1813-1869), ein Sohn des Kreuzwirts in Ellwangen, der seine Studienzeit am Gymnasium seiner Vaterstadt mit glänzend bestandener Abgangsprüfung beschloß. Der treffliche Schulmann wurde zum Verfasser einer Reihe katechetischer Werke und Kommentare, von denen als offizielles Lehrbuch sein Katechismus sich drei Jahrzehnte, seine Biblische Geschichte, zumal in der allbekannten Kurzfassung, fast ein Jahrhundert behauptete. Letzteres Werk fand, selbst in außereuropäische Sprachen übersetzt, über die ganze Erde Verbreitung. Für seine Verdienste um die katholische Erziehung wurde dem selbstlosen, tieffrommen Priester vom Papst Glückwunsch und hohes Lob ausgesprochen. Seiner stets geliebten Heimatstadt wurde er über den Tod hinaus ein Wohltäter durch die Stiftung eines Stipendiums für Theologiestudenten.

Seine Studienlaufbahn am Gymnasium seiner Vaterstadt begann auch der Sohn des damaligen Oberamtsarztes Albert Werfer (1815-1885), der sich als Verfasser von religiösen Erbauungsbüchern und als Dichter Ruhm erwarb. Für seinen Lebensweg wie für sein literarisches Werk war sein inniggeliebter Oheim, der berühmte Volks- und Jugendschriftsteller und Augsburger Domkapitular Christoph Schmid, weithin Vorbild. Fern den damaligen kirchlichen und politischen Auseinandersetzungen und ohne Verbindung mit den zeitgenössischen schwäbischen Dichtern führte er, in manchem an Mörike erinnernd, mit dem er auch die Begabung zur Malerei teilte, ein friedlich stilles, beschauliches Leben auf oberschwäbischen Pfarreien, um sich nach seiner Zurruhesetzung in seine Heimatstadt zurückzuziehen. Manche seiner Volkslieder im Stil der Spätromantik leben, zum Teil in der Vertonung Silchers, noch heute. Sein Buch "Gottes Herrlichkeit in seinen Werken", ein Zeugnis für sein umfassendes Wissen wie für die Harmonie und den Adel seiner Persönlichkeit, verschaffte ihm für lange Zeit Volkstümlichkeit; sein bedeutendstes wissenschaftliches Werk, die »Poesie der Bibel«, trug ihm die Würde eines Doktors der Theologie ehrenhalber ein.

Durch Kenntnisse und hohes Amt wurden weiter in jenen Jahrzehnten über das Durchschnittsmaß ihrer Mitschüler und späteren geistlichen Miibrüder emporgehoben: Franz Anton Scharpff (1809-1879), Hefeles Mitschüler und Studienfreund, später Professor der Kirchengeschichte in Gießen und Domkapitular in Rottenburg, Bonifaz Maier von Goldshöfe (1842-1929), der während seiner siebenjährigen Gymnasialzeit drei Klassen übersprang und in jungen Jahren zum Tübinger Konviktsdirektor aufstieg, und schließlich Eduard Facker (1827-1887), Sohn eines Präzeptors am Gymnasium, in jeder Beziehung ein Musterschüler der Anstalt, bei dessen Namen man nach dem Ausspruch seiner Professoren die Posaune blasen sollte, den aber Gewissensbedenken vom gewöhnlichen theologischen Studiengang zur Missionstätigkeit bei den nordamerikanischen Indianern führten, wo er Generalvikar der Diözese Marquette am Oberen See wurde, zugleich ein begabter Schriftsteller und Dichter, der mit inniger Liebe der alten Schwabenheimat verbunden blieb.

Zu hohen kirchlichen Ehren außerhalb der Heimatdiözese stieg auch sein einstiger Schulkamerad am Gymnasium Paul Leopold Haffner (1829-1899) empor, geboren als Sohn des Oberamtsarztes in Horb. In Ellwangen, wohin ihn der Vater von Rottenburg aus ans Obergymnasium schickte, war er ein ebenso eifriger wie erfolgreicher Schüler und legte die Reifeprüfung mit Auszeichnung ab. Der Aufgabe, den berührnten Mainzer Bekennerbischof Ernanuel v. Ketteler im Rottenburger Priesterseminar zu begrüßen, entledigte sich der Alumne so vorzüglich, daß der hohe Gast ihm erklärte, seine Rede befähige ihn, auch einmal Bischof zu werden. Einige Jahre später an das Priesterseminar in Mainz als Professor berufen, wirkte er dort segensreich, hochgeschätzt wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Charakters und geliebt auch wegen seines nie versiegenden Humors und seiner Gemütlichkeit, den Erbstücken seiner schwäbischen Heimat, mit der er bis zu seinem Tod eng verbunden blieb. Zum »Mainzer Dreigestirn« klassischer Kanzelredner gehörend, sprach er wiederholt als Festredner auf den Deutschen Katholikentagen in so trefflicher Weise, daß niemand nach ihm zu reden wagte, und stand mit Wort und Feder treu und tapfer dem großen sozialen Bischof im Kulturkampf zur Seite. Er wurde schließlich auf den verwaisten Bischofsstuhl berufen und verwaltete sein hohes Amt unter schwierigen kirchenpolitischen Umständen mit aller Tatkraft würdig seines großen Vorgängers.

Hohen Ruhm als Gelehrte haben sich in der Folgezeit zwei andere ehemalige Zöglinge des Gymnasiums erworben. Bewunderswert durch die Fülle der Veröffentlichungen, die Vielfalt der Interessengebiete und den Reichtum der wissenschaftlichen Erkenntnisse ist das Lebenswerk von Josef Zeller (1878-1929), der durch seine geschichtlichen Forschungen sich auch um seine Vaterstadt und das Gymnasium sehr verdient gemacht hat. Den Schulen der Heimat verdankte er, der aus alteingesessener Familie stammte, insbesondere die Bildung seines tiefreligiösen Geistes, während auf den weiteren Stationen der üblichen Theologenlaufbahn der Grund für seine wissenschaftlichen Arbeiten gelegt wurde. Schon bald verriet er seine hervorragenden Fähigkeiten als Geschichtsforscher, der insbesondere auf dem Gebiet der Heimatgeschichte und der mittelalterlichen Kirchen- und Klostergeschichte bewandert war. Seit der Studentenzeit infolge Überarbeitung leidend, zog sich der treffliche Gelehrte und herzensgute Mann, dessen Hoffnung auf einen seinen Anlagen entsprechenden Wirkungskreis sich nicht erfüllte, auf stille Pfarreien der Blaubeurer Alb zurück. Hier widmete er sich mit unermüdlichem Fleiß unter großen persönlichen und sachlichen Schwierigkeiten neben der Seelsorge der wissenschaftlichen Arbeit. An deren Krönung hinderte ihn ein frühzeitiger Tod. Die Früchte seiner Forschung sind in besonderem Maß seiner geliebten Heimatstadt zugute gekommen, dem Gymnasium aber hat er als Festgabe zu dessen hundertjährigem Jubiläum als württembergische Lehranstalt (1917) die Lebensbeschreibung des Stiftsdekans Ignatius Desiderius von Peutingen, des Stifters des Jesuitenkollegs, geschenkt.

Nur auf das Große und Allgemeine gerichtet war die Forscher- und Lehrtätigkeit von Sebastian Merkle (1862-1945), der als eine Theologen- und Gelehrtengestaft von seltenem Format zu den bedeutendsten Söhnen der Stadt Ellwangen zählt. Mit Stolz wies der berühmte Würzburger Kirchenhistoriker auf seine schwäbische Heimat, der er in seinem Wesen viel verdankte, und humorvoll bescheiden nannte er seine Vorfahren »lauter Bauern«. Er war als achtes Kind armer, fleißiger Eltern in der Hafnergasse geboren und besuchte dann vom benachbarten Schafhof aus, wo der Vater eine kleine Landwirtschaft betrieb, das Gymnasium. Durch Übersetzung schwieriger Partien aus deutschen Klassikern ins Lateinische und Griechisdie ließ er bereits in den Oberklassen den künftigen Meister der alten Sprachen ahnen und durch Erwerb "entbehrlich" gewordener lateinischer und griechischer Schulschriftsteller, aber auch der deutschen Klassiker legte er bezeichnenderweise schon in der Jugend den Grundstock zu seiner gewaltigen Gelehrtenbibliothek, für die er jedes Mittel opferte. Von Bischof Hefele wurde er zum Priester geweiht. Dieses seines Landsmanns Konziliengeschichte sollte er mit der Herausgabe und Besprechung der Diarien des Konzils von Trient fortsetzen. Für dieses Hauptwerk unter seiner gewaltigen literarischen Arbeit erhielt er vom Papst eine goldene Gedächtnismedaille. Ein geistsprühender Vortrag des gefeierten Gelehrten beim Besuch der Vaterstadt im Jahr 1927 blieb den Zuhörern ein unvergeßliches Erlebnis. Fast ein halbes Jahrhundert war Würzburg die Stätte seines Wirkens, und der schwarze Tag seiner zweiten Heimatstadt hat auch den tragischen Ausgang dieses erfüllten Gelehrtenlebens im Gefolge gehabt, da der Priestergreis, der zu seinem Schmerz auch noch den Untergang seines Gelehrtenheims mit seinen unersetzlichen Werten erleben mußte, den Strapazen der Flucht zum Opfer fiel.

»Und der Merkle von Rindelbach ist Professor. . ., so Leut' sollten wir noch mehr haben.« Mit diesen Worten gedenkt des hervorragenden Mannes sein einstiger Mitschüler Cäsar Flaischlen (1864-1920), der bekannte Dichter, bei einem Besuch der Stätten der Kindheit. Dieser, ein Sohn des damaligen Bezirkskommandeurs, durchlief die ersten vier Klassen des Gymnasiums bis zur Übersiedlung der Familie nach Stuttgart, ohne indessen irgendwie über das Durchschnittsmaß herauszuragen oder sich mit dem starren Schulzwang befreunden zu können. Umsomehr zeichnete sich der Knabe außerhalb der Schule in einem ungebundenen Treiben in der ganzen Stadt und ihrer schönen Umgebung aus, wobei er schon seines Namens wegen zum Anführer der unternehmungslustigen Kameradschaft berufen schien, die Troja berannte und die Römer bei Kannä einkesselte. Mit zunehmenden Jahren hat der Dichter, ein »Träumer des deutschen Gemüts nach wahrem Glück«, wieder stärker die Beziehungen zur alten Heimat angeknüpft, der er in der fernen Großstadt Berlin zeitweise entfremdet worden war. Und von diesem frühen Lebensabschnitt, von dem manche Bilder in seine Dichtungen eingegangen sind, hat er selbst bekannt: "Es ist meine ganze Kindheit, die sich mit Ellwangen verknüpft, mein erstes Erwachen zum Menschen, Eindrücke und Erinnerungen, auf denen mein ganzes Leben sich aufbaute."

Von der künftigen Dichtergröße ließ auch der Mergentheimer Wachsziehers- und Imkerssohn Hans Heinrich Ehrler (1872-1951), als er zwei Jahrzehnte später das Ellwanger Obergymnasium besuchte, noch wenig ahnen. Allerdings wie er einen Aufsatz über das schwierige Thema: Was ist das Vaterland? nur mit dem einen Satz: "Das Vaterland ist etwas Unaussprechliches", behandelt hatte, wurde diese Antwort als die schönste vorgelesen. Im übrigen aber liegen keine Außerungen des Dichters über seinen Ellwanger Lebensabschnitt und eine etwaige Anhänglichkeit an die Stadt vor. Die Frage ist auch nicht von anderer Seite aufgehellt worden. Offensichtlich wurzelt sein Werk zunächst in der heiteren fränkischen Heimat, in der stillen Deutschordensstadt mit ihrer reichen geistlichen Vergangenheit, Wesenszüge, die der junge Dichter aber auch in Eltwangen wiederfinden mußte. Bei allem Suchen und Ringen ist seine ganze Dichtung ein Bekenntnis zum christlichen Erbe, dem zu dienen ihm heiliger Beruf war, ausgezeichnet durch lyrische Beschwingtheit, mystische Innerlichkeit und Meisterschaft der Sprache, Vorzüge, welche den Deuter der ewigen Geheimnisse, der die letzten Jahrzehnte seines Lebens in der stillen Dichterklause bei Waldenbuch verbrachte, zum bekanntesten zeitgenössischen Dichter Württembergs gemacht haben.

Das Gymnasium kann schließlich stolz sein, mit Hermann Weller (1878-1956) auch unter seinen Lehrern einen begnadeten Dichter gehabt zu haben. Fast zwei Jahrzehnte bildete es die Wirkungsstätte dieses gütigen und bescheidenen Mannes, der als der Horaz des 20. Jahrhunderts von den Kennern gefeiert wurde und dazu noch ein vielseitiger Gelehrter war. In einer langen Reihe von Jahren errang er bei internationalen Wettbewerben in neulateinischer Dichtung den Siegeslorbeer oder hohe Auszeichnungen, worüber aber seine deutschen Gedichte nicht vergessen werden sollen. Sein erstes Preisgedicht ist unter dem Schlachtendonner des ersten Weltkriegs in Frankreich entstanden, von wo er auch, der Freund des Friedens, in einem in Distichen geschriebenen lateinischen Feldpostbrief dem damaligen Schulvorstand A. Steinhauser anschaulich seinen Kriegsdienst schildert und dabei auch das Funkwesen erläutert. Denkwürdigen Feiern des Gymnasiums gab er wiederholt durch die Gabe einer wissenschaftlichen Arbeit oder ein Erzeugnis seiner beschwingten Muse einen bedeutenderen Charakter. Und ebenso verdient machte er sich als Heimatforscher sowie als Dichter um seine zweite Heimatstadt. Ihr wie dem Gymnasium bewahrte er eine rührende Anhänglichkeit und Teilnahme, als er nach seiner Übersiedlung nach Tübingen an der Universität altindische Sprach- und Geisteswissenschaften lehrte.

Aus den vielen einstigen Schülern des Gymnasiums, die später in Frieden und Krieg auf hoher Stelle ehrenvoll und pflichtbewußt Volk und Staat gedient haben, ragt herauf die Gestalt des Generals Hans v. Schabel (1857-1945). Aus einer Arztfamilie stammend - der Großvater war wegen seiner hervorragenden Kenntnisse in den Naturwissenschaften im Nebenamt Professor am Gymnasium - holte er sich in den Schulen der Heimatstadt die wissenschaftliche und pädagogische Schulung, die trotz aller zeitbedingten Schranken von ihm stets dankbar geachtet wurde. Noch in hohem Alter pflegte der hochverdiente Offizier, der in der geliebten Vaterstadt seinen Lebensabend verbrachte, aus dem reichen Schatz seiner Erinnerungen von seinen meisterlichen Jugendstreichen und von aufregenden Tagen seiner Gymnasialzeit zu erzählen. In seiner ehrenvollen militärischen Laufbahn, die ihn meist fern der Heimat von Garnison zu Garnison führte, saßen dem jungen schwäbischen Artillerieoffizier, der als Theoretiker wie Praktiker in Ballistik, Mathematik und Chemie besonders begabt war, bald selbst Generäle auf der Schießschule zu Füßen. Sein Name ist vor allem verknüpft mit der Erprobung des bekannten 42-cm-Mörsers, der »Dicken Berta«, wie er überhaupt hervorragenden Anteil an der Schlagfertigkeit der deutschen Artillerie auf verschiedensten Gebieten hatte, eine Tätigkeit, die nur allzubald in der blutigen Wirklichkeit des ersten Weltkriegs beim Kampf um die stärksten Festungen bewährt wurde.

Die stattliche Reihe berühmter Schüler des Gymnasiums, die uns fast bis auf dessen Anfänge zurückgeführt hat, erinnert eindrucksvoll an das Alter und die ehrwürdige Tradition unserer Schule, ist aber doch wohl auch ein Beweis dafür, daß hier zu allen Zeiten, unter geistlicher wie weltlicher Leitung und bei allem Wechsel des Zeitgeistes Tüchtiges geleistet wurde. Sind diese Männer auf den weiteren Stationen ihres Bildungs- und Lebensweges weit über ihre Mitschüler, Lehrer und den Bereich einer höheren Schule hinausgewachsen, so haben sie doch, wie so viele Außerungen bezeugen, voll Dankbarkeit zurückgeschaut auf ihre Gymnasialzeit, wo ihr Talent ausgebildet wurde in stiller, ernster Arbeit abseits vom großen Strom und der Mode der Welt. Was aber ihnen wie auch jedem andern Schüler das Ellwanger Gymnasium in besonderem Maß zu einer geistigen Heimat gemacht hat, das ist nicht zuletzt die gepflegte Kultur einer Kleinstadt mit all den vielen Zeugen einer reichen Vergangenheit: Unter diesen das in seiner Art wohl einzigartige Schulgebäude innerhalb einer großartigen Flucht eindrucksvoller, in einem Zug aus erneuerter religiöser Lebenskraft geschaffener Barockbauten, mit seinem reichgeschmückten Portal, den lichtdurchfluteten Wandelhallen und dem prächtigen Fest- und Bibliotheksaal, verbunden mit der machtvoll ausladenden Jesuitenkirche und im Schutze der altersgrauen Mauern des romanischen Münsters aus der Hohenstaufenzeit, im Herzen einer Stadt, deren Anlage zum Zeichen der christlichen Kulturform ganz auf den heiligen Hügel ausgerichtet ist, und überragt von der wuchtigen mittelalterlichen Burg und der prachtvollen Wallfahrtskirche. Eine von Geschichte und Kunst so gesättigte Stätte, wo die Steine selbst eine deutlich vernehmbare Sprache reden, mußte dem empfänglichen und aufgeschlossenen jugendlichen Gernüt Anregungen zu geschichtlicher Betrachtung, zu Kunst und Wissenschaft geben, es vor allem den Weg zu Gott weisen. Das Werk der großen Männer, die hier einen grundlegenden Lebensabschnitt zugebracht haben, weist jedenfalls in diese Richtung. Und jene Zierden und Leuchten in der dreihundertjährigen Geschichte des Gymnasiums mögen auch künftigen Schülergenerationen Aufschluß geben über den genius loci dieser Bildungsstätte, sollen aber vor allem eine Verpflichtung sein zur Wahrung eines Erbes, das auf diesem historischen Boden ein gesundes deutsches Volkstum aus christlichem Glauben in Berührung mit antikem Geistesgut geschaffen hat.

Bearbeitungsstand: 11.08.2011

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